Der Kreislauf Sonflora

Die Mittagssonne wirft die harten Schatten der Betonsäulen auf den Asphaltboden des Sportplatzes von Tamarindo. Links neben dem Fußballfeld liegt eine brache, vertrocknete Wiese, rechts reihen sich die Blechhütten der Einwohner aneinander. Die Luft steht, es ist eine trockene, kraftraubende Hitze. Das monotone Motorengeräusch der Salz-Mahlwerke in der naheliegenden Fabrik wird durch das Summen eines Jungen gebrochen, der ein Motorrad nachahmt. Ein Kind des Projekts dreht auf seinem Fahrrad wilde Runden an der Seitenlinie des Platzes entlang. Seine kurzgeschorenen Haare streifen durch den Fahrtwind, in den Kurven gibt er besonders viel Gas. Immer wieder taucht der Junge in die Schatten ein und wird dann wieder von der grellen Sonne gepackt.
In der Mitte des Platzes, den um sich herumkreisenden Jungen beobachtend, steht der junge, frischgebackene Mitarbeiter von Sonflora. Seine Augen, einerseits von der Schüchternheit eines Jugendlichen und gleichzeitig von tiefer Ernsthaftigkeit erfüllt, folgen den eiernden Rädern. Folgen den Bewegungen der kurzen Beine, die so kraftvoll als auch befreiend in die Pedale treten und vor allem dem großen Lächeln, um den summenden Mund herum. Für beide ist diese Situation jedoch alles andere als selbstverständlich.
Der Kleine lebt wie die meisten Kinder hier bereits in seinen jungen Jahren ein ernstes Leben. Ein Leben mit stetiger Ungewissheit, Vertrauensverlust, fehlender Liebe, nicht kindgerechter Arbeit und vielen seelischen Wunden. Hier einmal die Augen zu schließen und nur für einen Moment lang auf einem Sportmotorrad die Panamerika entlang düsen – diese Fantasie kann er sich nicht häufig erlauben.
Der Große hatte es früher wahrscheinlich nicht minder schwer und vielleicht noch seltener schöne Momente in seiner Kindheit. Nun, nicht viel später, steht er da und schaut einem Kind fürsorglich und verständnisvoll beim Spielen zu. Dazwischen liegen Jahre, in denen er selber in das Projekt Sonflora gegangen ist sowie viele Gespräche mit den Psychologen und Mitarbeitern. Aber vor allem, so denke ich, liegt zwischen den beiden Lebensabschnitten Zeit, in der er über die Auswirkungen seiner Vergangenheit auf die Zukunft von sich und seinen Mitmenschen nachgedacht hat. Denn die Unterstützung, die er selber im Projekt erfahren hat in Verantwortungsbewusstsein gegenüber anderen umzuwandeln, das hat nur er alleine geschafft und schaffen können.
Den Platz und die Freiheit für die Entwicklungen beider haben alle, ob Paten, Mitarbeiter oder Volunteers, geschaffen die hinter der Idee von Sonflora stehen, ob in Europa oder Nicaragua.
Und so zieht der Kleine seine Runden um den Menschen, der für ihn ein so wichtiges, starkes Vorbild sein kann, das ihm sonst fehlt. Und mit etwas Optimismus erkennt man darin nicht nur die Kreisfahrt um den Sportplatz herum, sondern einen Kreislauf.

Ein Bericht von Toni (März 2016)

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